Der Stammbaum des Nibelungenlieds: wer mit wem verwandt ist — und wer wen erschlägt
Vierundzwanzig Figuren aus dem Nibelungenlied in einem Diagramm — die Werbung mit fremder Gestalt, der Streit der Königinnen vor dem Münster, der Speer an der Quelle und das Fest in Etzels Saal.
Kanon: Das mittelhochdeutsche Lied in der Fassung der Handschrift B

Das Nibelungenlied hat einen kurzen Stammbaum und ein langes Gedächtnis. Zwei Häuser, eine Heirat, ein Kind — und am Ende liegt fast jeder auf diesem Diagramm tot in einem Saal, den seine eigene Schwester ausgesucht hat. Was die Geschichte antreibt, steht nicht in den Blutlinien: es steht in den Linien daneben, und die heißen Mörder von, Mitwisser am Mord an, Rächerin an, Räuber des Horts von.
Das Diagramm auf einen Blick
So liest man es
Jede Karte ist eine Person, jede Linie eine Beziehung, die man anklicken kann. Die farbigen Bänder trennen die Häuser: die Burgunden zu Worms, die Herren von Tronje, das Haus Xanten, Isenstein, Etzels Hof und Bechelaren. Sieh zuerst auf die Form: links ein vollständiges Königshaus mit vier Geschwistern, rechts ein einzelner Held mit zwei Eltern — und ein einziger Strich zwischen beiden. Dieser Strich ist die Ehe, an der alles hängt.
Worms: vier Geschwister und eine Mutter, die man nicht hört
Dankrat ist lange vor dem ersten Vers gestorben und hinterlässt das Reich, um das gestritten wird. Ute deutet den Traum ihrer Tochter von den zwei Adlern und dem Falken richtig — und wird nicht gehört. Gunther will eine Frau, die er allein nicht bezwingen kann. Gernot vermittelt, wo Gunther schweigt und Hagen zuschlägt. Giselher ist an keiner Schuld beteiligt und wird trotzdem mit erschlagen. Das Diagramm zeigt hier etwas, das beim Lesen leicht untergeht: die vier Geschwister sind eine geschlossene Reihe, und jede Katastrophe des Liedes geht durch genau eines von ihnen.
Die Häuser nebeneinander
Kriemhild
Gunther
Gernot
Giselher
Ute
Dankrat
Volker
Siegfried
Siegmund
Sieglinde
Hagen
Dankwart
Ortwin
Etzel
Ortlieb
Rüdeger
Blœdelin
Die Werbung: ein Held nimmt die Gestalt eines anderen an
Brünhild von Isenstein ist stärker als jeder Mann, der um sie wirbt, und ihre Spiele kosten die Freier das Leben. Gunther gewinnt sie nicht: Siegfried gewinnt sie für ihn, unsichtbar in der Tarnkappe, und bezwingt sie später noch ein zweites Mal in der Hochzeitsnacht, damit die Ehe überhaupt beginnen kann. Auf dem Diagramm stehen dafür zwei Linien, die man nebeneinander lesen muss: Werber für und Heimlicher Bezwinger von. Alles, was danach geschieht, ist die Rechnung für diese zwei Linien.
Zwei Königinnen, ein Vortritt

Brünhild
Königin von Isenstein

Kriemhild
Burgundische Königstochter
Der Streit vor dem Münster ist keine Zänkerei um Rang. Kriemhild sagt laut, was Brünhild nicht wissen darf — dass nicht ihr Mann sie bezwungen hat — und beweist es mit einem Ring und einem Gürtel. In diesem Augenblick ist Siegfried schon tot; es dauert nur noch ein paar Strophen.
Die Quelle: eine Handbreit Haut
Der Mann von Tronje

Hagen von Tronje
Der Mann von Tronje
Gunthers Vasall, der das Reich über seinen Herrn stellt und den Mord an Siegfried nicht verheimlicht, sondern anmeldet. Er versenkt den Hort im Rhein und nimmt das Wissen darum mit in den Tod.
Dreizehn Jahre, ein Hort und eine zweite Ehe
Hagen versenkt den Nibelungenhort im Rhein — Kriemhilds Erbe, das ihr Macht gegeben hätte. Sie bleibt Witwe in Worms, bis Rüdeger von Bechelaren kommt und für Etzel, den mächtigsten Herrscher der Welt, um sie wirbt. Sie sagt erst zu, als Rüdeger ihr schwört, sie zu rächen — ohne zu ahnen, an wem. Dieser Eid ist der Angelpunkt des zweiten Teils, und auf dem Diagramm sieht man beide Enden davon: Brautwerber für und, viel später, Gefallen im Zweikampf mit.
Von Siegfried zu Etzels Sohn
Uns ist in alten mæren wunders vil geseit / von helden lobebæren, von grôzer arebeit.
Etzels Saal: das Fest, das niemand verlässt
Blœdelin wird von Kriemhild mit Land und einer Braut dafür bezahlt, dass er über die burgundischen Knechte herfällt; er bekommt weder das eine noch das andere, weil Dankwart ihn erschlägt und blutig in den Saal zurückkommt, um es zu melden. Über dem Kopf des Kindes Ortlieb fällt der erste Schlag, und danach gibt es kein Zurück. Volker von Alzey, Fiedler und Ritter, hält mit Hagen die Nachtwache vor dem Saal, in dem die Gäste schlafen. Ortwin, Hagens Neffe, wollte schon zum Schwert greifen, als der Streit noch mit Worten geführt wurde. Am Ende stehen nur noch zwei Burgunden und zwei Männer aus Bern.
Der Saal






Rüdeger: der beste Mann in diesem Buch
Rüdeger hat die Burgunden auf dem Hinweg in Bechelaren beschenkt und seine Tochter Dietlind dem jüngsten von ihnen verlobt — die letzte gute Stunde der ganzen Geschichte. Dann fordert Kriemhild den Eid ein. Zwischen Lehnstreue und Gastfreundschaft gibt es keinen Ausweg: er geht in den Saal, gibt Hagen vorher seinen Schild und fällt gegen Gernot durch dasselbe Schwert, das er ihm selbst geschenkt hat. Gotelind beschenkt die Gäste auf dem Hinweg und sieht ihren Mann auf dem Rückweg nicht wieder.
Bechelaren




Dietrich von Bern beendet es
Dietrich, landloser Fürst an Etzels Hof, steht so lange abseits, wie er kann. Als seine Mannen gefallen sind, holt er die beiden letzten Burgunden selbst — er überwältigt Hagen und Gunther und übergibt sie gebunden. Kriemhild lässt ihren Bruder enthaupten und erschlägt Hagen mit eigener Hand; Hildebrand, der alte Waffenmeister, erschlägt darauf sie. Etzel bleibt sitzen und begreift bis zuletzt nicht, was seine Frau vorbereitet hat.
Wer am Ende noch steht
Noch da
Etzel
Dietrich von Bern
Hildebrand
Brünhild
Ute
Siegmund
Gotelind
Dietlind
Alberich
Verstorben
Siegfried von Xanten
Kriemhild
Gunther
Gernot
Giselher
Hagen von Tronje
Dankwart
Ortwin von Metz
Volker von Alzey
Rüdeger von Bechelaren
Ortlieb
Blœdelin
Lied und Ring
Im Nibelungenlied
Brünhild ist eine Königin von Isenstein, keine Walküre; Siegfried ist Sohn eines Königspaars in Xanten; es gibt keinen Ring, der die Welt beherrscht, und keine Götter. Der Hort ist Geld und Macht, nichts weiter. Alles auf diesem Diagramm stammt aus dieser Fassung.
In Wagners Ring
Wagner arbeitet vor allem mit den nordischen Quellen, der Völsunga saga und der Edda: Brünnhilde ist Wotans Tochter, Siegfrieds Eltern sind Geschwister, Siegfried durchschreitet ein Feuer, und der Ring trägt einen Fluch. Wer den Ring kennt und das Lied aufschlägt, findet darum andere Verwandtschaften vor — und genau die zeichnet dieses Diagramm.
Wer nicht auf dem Diagramm steht
Die Bischöfe und Spielleute, Etzels übrige Verwandtschaft, die namentlich genannten Recken, die einmal vorkommen und nie wieder — und der ganze Hintergrund der Dietrich-Sage, der im Lied nur angetippt wird. Vierundzwanzig Karten, gewählt nach dem, worauf die Handlung zurückkommt: Worms, Xanten, Tronje, Isenstein, Bechelaren, Etzels Saal. Ein Diagramm mit hundert Namen liest niemand.
Häufige Fragen
- Was ist das Nibelungenlied?
- Ein mittelhochdeutsches Heldenepos um 1200, das Siegfrieds Tod und Kriemhilds Rache erzählt.
- Wer ist Siegfried?
- Der Königssohn aus Xanten, der den Drachen erschlug und Kriemhild heiratete.
- Wer tötet Siegfried?
- Hagen von Tronje, mit einem Speer in die eine verwundbare Stelle an seiner Schulter.
- Wer ist Kriemhild?
- Siegfrieds Frau, Schwester der burgundischen Könige, und die Rächerin des zweiten Teils.
- Wie sind Gunther und Kriemhild verwandt?
- Geschwister, zusammen mit Gernot und Giselher.
- Wer ist Brünhild?
- Die Königin von Isenstein in Island, die Gunther nur mit Siegfrieds heimlicher Hilfe bezwingen kann.
- Warum streiten Kriemhild und Brünhild?
- Um den Vorrang vor dem Münster — und darüber kommt heraus, wer Brünhild wirklich bezwungen hat.
- Wen heiratet Kriemhild danach?
- Etzel, den König der Hunnen, dessen Hof zum Schauplatz des Untergangs wird.
- Ist das Nibelungenlied historisch?
- Etzel geht auf Attila zurück und die Burgunden auf ein reales Reich; alles andere ist Sage.
- Wie endet das Epos?
- Mit dem Tod fast aller Beteiligten am Hof Etzels, Kriemhild eingeschlossen.